Man könnte fast meinen, ein heterogenes chemisches Gleichgewicht sei einfach ein homogenes Gleichgewicht mit mehreren Phasen doch diese Sichtweise greift zu kurz und kann sogar irreführend sein. Zwar lassen sich Prinzipien wie Gleichgewichtskonstanten und Reaktionsgeschwindigkeiten ähnlich anwenden, doch die Phasengrenzen bringen zusätzliche Komplikationen mit sich, die man keinesfalls unterschätzen sollte. Interessiert es Sie nicht auch, wie genau die Verteilung der Reaktanten und Produkte zwischen den Phasen sowie ihre Wechselwirkungen an den Grenzflächen das Geschehen beeinflussen?
Stellen Sie sich vor, Moleküle in der Gasphase können frei diffundieren, während sie an einer Feststoffoberfläche adsorbiert werden oder mit einer Flüssigkeit in Kontakt stehen. Diese Grenzflächen besitzen eine ganz eigene Dynamik. Häufig wird die Adsorption durch van-der-Waals-Kräfte oder sogar chemische Bindungen stabilisiert gerade deshalb wirkt sie sich maßgeblich auf das Gleichgewicht aus. Ehrlich gesagt hat es bei mir eine Weile gedauert, das wirklich zu verstehen: Mein Doktorvater wies mich darauf hin, dass ich zunächst nur die Bulk-Konzentrationen betrachtet hatte und völlig vernachlässigte, wie wichtig die Adsorptionsschichten sind. Wochenlang habe ich gebraucht, bis mir das klar wurde.
Das heterogene Gleichgewicht lässt sich formal zum Beispiel bei der Ammoniaksynthese am Eisenkatalysator der Haber-Bosch-Reaktion beschreiben:
$$
\text{N}_2(g) + 3\,\text{H}_2(g) \rightleftharpoons 2\,\text{NH}_3(g)
$$
Hier sind alle Stoffe gasförmig also homogen. Sobald jedoch Ammoniak an der Katalysatoroberfläche adsorbiert ist oder ein fester Katalysator wie $\text{Fe}$ oder $\text{Fe}_3\text{O}_4$ beteiligt ist, sprechen wir von einem heterogenen Gleichgewicht. Die Adsorption verändert lokal die Konzentration der Gase unmittelbar an der Oberfläche und somit auch deren effektive Aktivität.
Formal wird das Massenwirkungsgesetz für ein heterogenes Gleichgewicht geschrieben als
$$
K = \frac{\prod_i a_i^{\nu_i}}{\prod_j a_j^{\mu_j}},
$$
wobei $a_i$ und $a_j$ die Aktivitäten der Produkte beziehungsweise Edukte darstellen und $\nu_i$, $\mu_j$ deren stöchiometrische Koeffizienten sind. Doch jetzt kommt das Entscheidende: Die Aktivität reiner Feststoffe oder Flüssigkeiten wird per Definition als konstant 1 angesetzt, da ihre Konzentration innerhalb einer homogenen Phase sehr stabil bleibt. Viele Terme fallen dadurch weg was jedoch keineswegs bedeutet, dass diese Stoffe keinen Einfluss haben! Korrosion oder Verunreinigungen können die Oberflächenbeschaffenheit ändern und dadurch indirekt das Gleichgewicht verschieben.
Ich erinnere mich gut an einen Laborversuch zur Calciumcarbonat-Pufferung in Wasser mit festem $\text{CaCO}_3$, wo gilt:
$$
\text{CaCO}_3(s) \rightleftharpoons \text{Ca}^{2+}(aq) + \text{CO}_3^{2-}(aq).
$$
Da $\text{CaCO}_3$ fest ist, wird seine Aktivität auf 1 gesetzt. Für die Gleichgewichtskonstante folgt daraus:
$$
K_{sp} = [\text{Ca}^{2+}][\text{CO}_3^{2-}].
$$
Dieses Löslichkeitsprodukt legt fest, dass eine Erhöhung der Ionenkonzentration über $K_{sp}$ hinaus nicht ohne Weiteres möglich ist; dann beginnt die Ausfällung des Feststoffs. Chemisch betrachtet zeigt dies den dynamischen Austausch zwischen gelösten Ionen und Feststoff im Gleichgewichtszustand.
Ich dachte lange Zeit, das wäre eigentlich simpel aber weit gefehlt! Schon eine Veränderung von Temperatur oder Druck, etwa unter hydrothermalen Bedingungen, ändert sowohl $K_{sp}$ als auch die Oberflächeneigenschaften drastisch. Phasenübergänge des Feststoffs kommen hinzu und beeinflussen direkt seine effektive Aktivität. Diese Kopplungen zwischen Strukturänderungen und Eigenschaften lassen sich oft kaum quantifizieren.
Ehrlich gesagt hatte ich zwischendurch Mühe, den Überblick zu behalten… Aber zurück zur Klarheit: Im Kern beschreibt ein heterogenes chemisches Gleichgewicht mehrere koexistierende Phasen mit wechselwirkenden Komponenten; feste Phasen werden meist mit konstanter Aktivität belegt, obwohl ihre Oberfläche eine Schlüsselrolle für Adsorptionseffekte sowie kinetische Barrieren und thermodynamische Stabilitäten spielt.
Zum Schluss muss ich zugeben: Obwohl ich überzeugt bin, dass wir mit erweiterten Modellen wie dem Massenwirkungsgesetz viele Aspekte besser erfassen können als früher unsicher bin ich bei den mikroskopischen Details an Grenzflächen immer noch. Die genaue Quantifizierung der Oberflächenaktivitäten auf molekularer Ebene bleibt oft spekulativ beziehungsweise experimentell schwer zugänglich. Fragen Sie sich nicht auch manchmal, ob es subtile Effekte zwischen benachbarten Molekülen auf katalytischen Oberflächen gibt, von denen wir noch nichts ahnen? Bis heute konnte mir niemand eine endgültige Antwort darauf geben gerade diese Ungewissheit macht das Thema für mich so spannend wie frustrierend zugleich.
Zusammenfassung wird erstellt…