Fast jeder, der schon einmal im Labor stand, kennt das Phänomen: Eine Reaktion, bei der scheinbar mehrere Bindungen gleichzeitig brechen und neue entstehen. Doch selten hält man inne und fragt sich wirklich, was auf molekularer Ebene passiert. Bei konzertierten Reaktionen laufen alle Teilreaktionen innerhalb eines einzigen elementaren Schrittes synchron ab keine Zwischenstufe wird isoliert, keine Bindung bricht vor einer anderen oder wird früher gebildet. Überraschenderweise hatte ich selbst Schwierigkeiten, einem Freund ohne Chemie-Hintergrund diesen Unterschied zu erklären. Das half mir zugleich, die Bedeutung aller beteiligten Teilchenwechselwirkungen besser zu erfassen. Auf molekularer Ebene bedeutet das etwa, dass Elektronenverschiebungen in einem komplexen Reaktionszentrum gleichzeitig stattfinden oft erkennbar an Übergangszuständen mit stark delokalisierten Ladungen.
Im Gegensatz dazu zerfällt eine mehrstufige Reaktion in klar unterscheidbare Einzelschritte. Diese Zwischenschritte sind häufig als stabile oder metastabile Zwischenprodukte zu erkennen und können bisweilen sogar isoliert oder zumindest experimentell nachgewiesen werden. Kinetisch unterscheiden sie sich ebenfalls erheblich: Während bei konzertierten Reaktionen ein einziger Aktivierungsenergie-Übergangszustand den geschwindigkeitsbestimmenden Schritt darstellt, summieren sich bei sequentiellen Mechanismen mehrere Aktivierungsenergien entsprechend der Zahl der Schritte. Die Unterscheidung ist allerdings nicht immer einfach; manche Reaktionen wirken zunächst konzertiert, stellen sich aber bei genauerer Untersuchung als mehrstufig heraus ein kleines chemisches Paradoxon sozusagen. Ein klassisches Beispiel sind pericyclische Reaktionen wie die Diels-Alder-Reaktion, die typischerweise konzertiert verlaufen: Der Ringschluss erfolgt simultan durch eine symmetrische Verschiebung von Elektronenpaaren.
Am Beispiel einer konkreten Reaktion lässt sich das verdeutlichen: Die klassische [4+2]-Cycloaddition zwischen 1,3-Butadien und Ethen zur Bildung von Cyclohexen gilt als Prototyp konzertierter thermischer Reaktionen. Im Experiment liegen beide Edukte bei etwa $1\,\text{mol/L}$ in Toluol bei $80^\circ C$ (ca. 353 K) vor. Die Gleichung lautet:
$$
\text{C}_4\text{H}_6 + \text{C}_2\text{H}_4 \rightarrow \text{C}_6\text{H}_{10}
$$
Die kinetische Geschwindigkeitsgleichung folgt dem zweiten Ordnungsgesetz:
$$
r = k[\text{C}_4\text{H}_6][\text{C}_2\text{H}_4]
$$
mit einer gemessenen Geschwindigkeitskonstanten $k \approx 0.01\,\text{L/(mol·s)}$ unter den genannten Bedingungen. Die Aktivierungsenergie $E_a$ liegt typischerweise bei etwa $75\,\text{kJ/mol}$. Die Gleichgewichtskonstante $K$ lässt sich über die Gibbs freie Energie $\Delta G^\circ$ abschätzen:
$$
K = e^{-\frac{\Delta G^\circ}{RT}}
$$
wobei $\Delta G^\circ \approx -20\,\text{kJ/mol}$ bei dieser Temperatur beträgt; also ist $K > 1$ und die Reaktion thermodynamisch zugunsten der Produktbildung verschoben. Besonders interessant ist der Übergangszustand: Er zeigt eine delokalisierte Elektronenwolke über alle sechs Kohlenstoffatome des entstehenden Rings das verdeutlicht eindrucksvoll den gleichzeitigen Charakter der Bindungsbildung und -auflösung ohne isolierbare Zwischenstufen.
Rückblickend auf das anfängliche Gespräch mit meinem Freund wird klar: Konzertierte Reaktionen sind weniger eine Aneinanderreihung einzelner Schritte als vielmehr ein zeitliches Verschmelzen all jener molekularen Ereignisse, die zusammen das gesamte Bild ergeben zumindest wenn man es nicht zu genau nimmt. Dieses Verständnis eröffnet eine neue Perspektive auf scheinbar einfache chemische Prozesse.
Vielleicht lohnt es sich deshalb beim nächsten Mal etwas genauer hinzuschauen und zu fragen: Geht diese Reaktion wirklich Schritt für Schritt ab oder tanzt sie eher einen synchronisierten molekularen Walzer? Manchmal ist die Chemie eben doch etwas subtiler als gedacht.
Zusammenfassung wird erstellt…