Im Jahr 1910 war die Vorstellung von Gasen noch relativ simpel: Ein ideales Gas besteht aus kleinen, punktförmigen Teilchen, die sich völlig elastisch stoßen und ansonsten keinerlei Wechselwirkung zeigen. Das war die herrschende Lehrmeinung, und man konnte mit dem idealen Gasgesetz $pV = nRT$ die meisten experimentellen Daten halbwegs erklären. Doch was wurde dabei übersehen? Heute wissen wir, dass reale Gase eben nicht ideal sind sie zeigen Anziehungskräfte und endliche Volumina der Moleküle, was zu Abweichungen führt, die nicht nur mathematisch interessant sind, sondern tief in der molekularen Struktur und deren Wechselwirkungen begründet liegen.
Wenn ich damals als junger Assistent gegen die orthodoxe Lehrmeinung argumentierte, wurde ich oft belächelt. Ich erinnere mich an eine öffentliche Diskussion, in der ich behauptete, Van-der-Waals-Kräfte seien mehr als nur ein „Feintuning“ des idealen Gasgesetzes. Ich lag zwar in Teilen falsch vor allem überschätzte ich damals die Einfachheit der Korrekturen , aber dieser Streit führte dazu, dass wir das Konzept realer Gase viel genauer verstanden. Die Molekül-Molekül-Wechselwirkungen sind keine bloße Randerscheinung; vielmehr bestimmen sie das Verhalten des Gases unter hohen Drücken oder niedrigen Temperaturen wesentlich.
Reale Gase teilen mit einem scheinbar ganz anderen Phänomen eine gemeinsame Grundidee: Nicht nur isolierte Einheiten entscheiden über das Verhalten eines Systems, sondern deren Interaktionen untereinander. Ein Beispiel aus der Physik ist die Magnetisierung in Festkörpern, wo einzelne Spins durch Austauschwechselwirkungen gekoppelt sind. Bei realen Gasen beeinflussen Van-der-Waals-Kräfte (London-Dispersionskräfte), Dipol-Dipol-Wechselwirkungen oder Wasserstoffbrückenbindungen wie im Fall von Ammoniak oder Wasser deren Aggregatzustand und Kompressibilität.
Die Van-der-Waals-Gleichung
$$\left(p + a \frac{n^2}{V^2}\right)(V - nb) = nRT$$
ist ein frühes Modell für reale Gase. Dabei beschreibt $a$ die Stärke der Anziehung zwischen den Molekülen und $b$ ihr Eigenvolumen. Molekular betrachtet bedeutet das: Die Teilchen haben eine endliche Ausdehnung (nicht punktförmig) und ziehen sich gegenseitig an je stärker diese Anziehung ($a$), desto mehr weicht das Verhalten vom Idealgas ab.
Ein konkretes Beispiel aus meiner damaligen Forschung bezieht sich auf den Ammoniakdampf bei 300 K und einem Molvolumen von $0{,}1\, \mathrm{m}^3/\mathrm{mol}$. Die experimentell gemessenen Drücke lagen deutlich unter denen des idealen Gases. Mit den Parametern $a=4{,}17\, \mathrm{L}^2\mathrm{bar}/\mathrm{mol}^2$ und $b=0{,}0371\, \mathrm{L}/\mathrm{mol}$ für Ammoniak lässt sich leicht zeigen:
Zunächst berechnen wir den Druck für ein ideales Gas:
$$p_{\text{id}} = \frac{nRT}{V} = \frac{1 \times 0{,}08206 \times 300}{0{,}1} = 246{,}18\, \mathrm{kPa}.$$
Nun nach Van-der-Waals-Gleichung:
$$p = \frac{nRT}{V - nb} - a \frac{n^2}{V^2} = \frac{1 \times 0{,}08206 \times 300}{0{,}1 - 1 \times 0{,}0371} - 4{,}17 \times \frac{1^2}{(0{,}1)^2},$$
also
$$p = \frac{24.618}{0.0629} - 4.17 \times 100 = 391.22 - 417 = -25.78\, \mathrm{kPa},$$
was physikalisch keinen Sinn ergibt hier zeigt sich ein wichtiges Limit des Modells bei diesen Bedingungen; dennoch verdeutlicht es qualitativ die starke Abweichung vom idealen Verhalten durch Anziehungskräfte. In der Praxis beobachtet man etwa bei höheren Drücken tatsächlich einen deutlichen Druckabfall gegenüber dem Idealgaswert.
Chemische Bedingungen wie Temperatur oder Druck verschieben das Gleichgewicht zwischen freien Molekülen und Clustern deutlich; beispielsweise nimmt bei Wasserstoffbrückenbindungen mit sinkender Temperatur die Clusterbildung zu. Besonders auffällig sind dabei Anomalien wie das sogenannte „superkritische Fluid“, bei dem gasartige Dichte mit flüssigkeitsähnlichen Löslichkeitseigenschaften kombiniert werden ein Phänomen realer Gase ohne klares Äquivalent im Idealgas.
Und hier zeigt sich erneut: Es sind stets die Wechselwirkungen zwischen Teilchen ob Molekül oder Spin , die überraschende Eigenschaften hervorbringen können. Reale Gase lehren uns eine gewisse Vorsicht gegenüber vereinfachenden Modellen; sie erinnern daran, dass Struktur und Eigenschaften untrennbar miteinander verbunden bleiben.
Doch letztlich beruht unser gesamtes Verständnis auf einer Annahme: Dass thermodynamische Gleichgewichtszustände überhaupt existieren und über Mittelwerte vieler Teilchen beschrieben werden können. Wenn diese Annahme versagt etwa bei hochdynamischen Systemen fernab vom Gleichgewicht , bricht unser Bild von realen Gasen ebenso zusammen wie einst jenes vom idealen Gas. Obgleich diese Annahme oft gerechtfertigt erscheint, sollte man ihre Grenzen nicht außer Acht lassen gerade in dynamischen oder stark heterogenen Systemen können Abweichungen auftreten, die weiterführende Modelle erfordern.
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